Unsere Nachnamen - was sie verraten und verschweigen
[06.03.2007] Aus dem vergriffenen Buch Deutsche und Amerikaner. Ein Lese- und Nachschlagebuch mit 258 Abbildungen von Wolfgang Glaser
Unsere Familiennamen sind in aller Regel die ältesten
familiengeschichtlichen Zeugnisse, über die wir verfugen. Durch
Generationen weitergegeben, reichen sie bis in Zeiten zurück, aus denen
keinerlei Dokumente überlebt haben - doch sie zu interpretieren und aus
ihnen Aufschlüsse über die eigene Herkunft zu gewinnen, erweist sich
fast immer als äußerst schwierig. Die Möglichkeit von Fehldeutungen
vervielfacht sich bei Auswanderern, die ihren Namen in einen fremden
Sprachbereich mitgenommen haben, wo er mehr oder weniger starken
Veränderungen und Anpassungen ausgesetzt war. Der folgende kleine
Streifzug durch die Geschichte der deutschen Familiennamen in der Alten
und der Neuen Welt möchte keine übertriebenen Hoffnungen auf
genealogische Nutzanwendungen wecken - wohl aber Interesse, wie es
dieses faszinierende Teilgebiet der Familienforschung verdient.
Die heutigen Familiennamen kamen in Europa erstmals in Oberitalien um
die Wende vom ersten zum zweiten Jahrtausend unserer Zeitrechnung auf.
In Deutschland verbreiteten sie sich von Süden nach Norden und waren um
das Jahr 1500 allgemein üblich. Diese Entwicklung hat ihre Ursache vor
allem im Anwachsen der Städte und im allmählichen Entstehen einer
schriftlichen Verwaltungspraxis. Köln etwa, die damals größte deutsche
Stadt, hatte um das Jahr 1200 bereits zehn- bis fünfzehntausend
Einwohner: man kann sich vorstellen, von wie vielen Johanns, Ludwigs
oder Heinrichs es dort gewimmelt hat. Wollte man diese Taufnamen durch
einen unterscheidenden Beinamen ergänzen, so bot sich dafür zunächst
der Name des Vaters an: der Sohn eines Peter erhielt den Beinamen
Petersohn, der sich im Lauf der Zeit zu Peterson, Petersen, Peters oder
auch der ursprünglichen Form Peter abschleifen konnte. In Städten, wo
das Handwerk in Blute stand, erlangten Beinamen, die aus
Berufsbezeichnungen abgeleitet waren, bald eine noch größere Bedeutung.
War unser Peter von Beruf Müller, so wurde er in Kirchenbücher oder
Steuerlisten zunächst als Peter der Müller eingetragen. Übernahm der
Sohn, wie es die Regel war, den Beruf des Vaters, dann ging der Beiname
auf ihn über. Auf diese Weise entstand der Brauch, den Namen zu
vererben.
Hatte der Name Müller dann, um die Aussprache zu vereinfachen, erst
einmal seinen Artikel verloren und sich zugleich in der Familie eine
gewisse Tradition erworben, so wurde er schließlich auch bei
Berufswechseln beibehalten. Andere Beispiele für Namen, die
ursprünglich den Beruf bezeichneten, sind Färber, Bäcker oder auch
Eisenhauer- der deutsche Name jener 1741 aus dem Odenwald (bei
Heidelberg) nach Amerika ausgewanderten Familie, aus der der
US-Präsident Dwight D. Eisenhower hervorging. Schmidt im Deutschen wie
im Englischen (Smith) der häufigste Familienname überhaupt - verdankt
seine bevorzugte Stellung der Tatsache, daß er ursprünglich eine
Sammelbezeichnung für sämtliche metallverarbeitenden Berufe darstellte
(Hufschmid, Zeugschmied, Silberschmied, Zirkelschmied usw.). Die im
Deutschen ebenfalls bekannt-berüchtigter Meiers (von lateinisch maior)
und Schutzes (von Schultheiß - "der die Schuld zu bezahlen heißt")
waren in ihren allerersten Generationen Amtsträger innerhalb der
mittelalterlichen Lehnsverbände, denen die Beaufsichtigung der
"Hörigen" und die Eintreibung der Abgaben oblag. Wer einen solchen
Lehnshof (eine "Hufe" oder "Hube") bewirtschaftete, behielt davon den
Namen Huber - so ein weiterer amerikanischer Präsident, Herbert Hoover,
dessen Vorfahr Andreas Huber ebenfalls im 18. Jahrhundert aus
Deutschland nach Nordamerika auswanderte.
Die nächste wichtige Gruppe der Familiennamen leitet sich von der
Herkunft oder dem Wohnort ihrer ehemaligen Träger ab: Wer aus Schlesien
stammte, konnte den Beinamen Schlesinger erhalten - freilich auch
jemand, der nur über die Zwischenstation Schlesien zugewandert war,
oder selbst einer, der etwa als Händler schlesische Waren vertrieb. Der
ursprüngliche Kissinger, von dem der in Fürth geborene Henry Kissinger
abstammt, mag in einer Beziehung zur fränkischen Bäderstadt Kissingen
gestanden haben - welcher Art diese Beziehung jedoch war, kann uns der
Name nicht verraten. Bamberger ist ein weiterer Nachname, der einmal
den Wohnort gemeint haben konnte. Möglich also, daß er auf die tausend
Jahre alte Kaiser - und Bischofsstadt an der Regnitz verweist - möglich
aber auch, daß er eine abgeschliffene Form von Baumberger darstellt,
was sich als Beiname für jeden angeboten hatte, dessen Haus in der Nahe
eines bewaldeten Hügels stand. Lag der Hof an einem Roggenfeld, erhielt
sein Besitzer vielleicht den Namen Roggenfelder - so die deutschen
Vorfahren der amerikanischen Familie Rockefeller. Und grenzte das
Anwesen an eine Kirche oder Kapelle, konnte Kappelkopf entstehen: der
Familienname der Schauspielerin Doris Day.
Vollends unübersehbar ist schließlich das Feld der sogenannten
"Übernamen": Familiennamen, die auf besondere Eigenschaften ihrer
ursprünglichen Träger verweisen oder als Spitznamen entstanden sind.
Einfache und verbreitete Beispiele sind Namen wie Lang und Weiß, die
auf hohen Körperwuchs und auf früh ergrautes oder blondes Haar
zurückgehen können - obwohl man Weiß auch als bildhafte Übertragung der
Berufsbezeichnung eines Wäschers, Färbers oder Malermeisters
("Weißwäscher") interpretieren konnte. Allen genealogisch
Ambitionierten zur Warnung möchten wir schließlich noch dem extremen
Fall eines ironisch irreführende Spitznamens berichten. Gemeint ist
jene Familie Förster, der es gelang, ihren Namen bis zu dessen erstem
Träger zurückzuverfolgen: er entpuppte sich nicht, wie erwartet, als
Waldaufseher, sondern als ein stadtbekannter Holzdieb!
Bis in die Zeit der Namensentstehung vorzudringen, wird den meisten
Familienforschern freilich gar nicht möglich sein. Wo es um die
europäische Herkunft der nach Nordamerika ausgewanderten Vorfahren
geht, ist dies auch nur selten erforderlich. Zum einen liegt die Epoche
der Namensentstehung in der Regel um Jahrhunderte vor dem Zeitpunkt der
Auswanderung; zum anderen verewigt der Name, soweit er nicht überhaupt
in die Irre fuhrt, häufig nur eine kurze und zufällige Episode
innerhalb einer langen Familiengeschichte. Die eindeutige Verknüpfung
des Namens mit einem Territorium findet sich eigentlich nur im Fall des
Adels - ansonsten hat man es mit Unwägbarkeiten zu tun, wie sie oben am
Beispiel Schlesinger angedeutet wurden. Gleichwohl kann die sprachliche
Form eines Namens eine Menge, wenn nicht über seine ursprüngliche
Bedeutung, so doch über die Region aussagen, in der er verbreitet war.
So sind die aus Taufnamen abgeleiteten Beinamen auf -sen (Petersen,
Jansen, Hansen usw.) für das norddeutsche Küstengebiet und den
skandinavischen Sprachraum charakteristisch. Auch das Vermeiden der im
Hochdeutschen üblichen Doppellaute (also Hinrich statt Heinrich,
Burmeester statt Baumeister, Suhrbier statt Sauerbier) und die
Schreibung von p für f (Koopmann statt Kaufmann, Scheper statt Schäfer)
verweist auf Norddeutschland, während das grolle Heer der Meiers mit ai
oder ay wahrscheinlich süddeutschen Ursprungs ist. Sind bestimmte
Wörter nur in Teilgebieten des deutschen Sprachraums verbreitet, so
kann man für die daraus abgeleiteten Namen dasselbe annehmen - so etwa
bei den gleichbedeutenden Berufsbezeichnungen Fleischhauer (im
Südosten), Metzger (Südwesten), Schlachter (Nordwesten) und Fleischer
(Nordosten). Ein anderer Berufsname, Müller, laßt in der Schreibung
Miller auf eine Herkunft aus dem schwäbisch-alemannischen Raum
schließen.
Solche Feinheiten der Orthographie wird sicherlich nur berücksichtigen
können, wer noch über Originaldokumente verfügt, die über die Namen der
europäischen Vorfahren vor der Auswanderung Aufschluß geben.
Selbstverständlich kommen nicht alle amerikanischen Millers aus dem
Spätzleland zwischen Bodensee und Donau: viele stammen aus England, wo
sich ähnliche Namensformen ausgeprägt haben - was bei der engen
Verwandtschaft der Sprachen nicht verwunderlich ist. Und bei den
meisten deutschstämmigen wird es sich wohl um Müllers handeln, deren
Name nach der Ankunft in Amerika entweder übersetzt wurde oder sich im
Lauf der Zeit der englischen Aussprache anglich. Die wörtliche
Übersetzung bot sich vor allem bei Berufsnamen an, die im Englischen
analog existierten: Aus einem deutschen Zimmermann wurde ein Mr.
Carpenter, aus Koch - für englische Zungen unaussprechbar - ein Cook,
aus Schumacher ein Shoemaker. Nur ein Drittel der englischen
Familiennamen in den USA, so eine Schätzung, geht auch tatsächlich auf
englische Abstammung zurück. Bei allen anderen handelt es sich um
Übersetzungen, die die ethnische Herkunft der Namensträger
verschleiern. Ob ein amerikanischer Smith von englischen Smiths, von
deutschen Schmidts, portugiesischen Ferreiras, polnischen Kowalczyks
oder tschechischen Kovars abstammt, ist aus dem Namen nicht mehr zu
erschließen. Allerdings fanden sich die Einwanderer zu solchen
Übersetzungen ihrer Namen anscheinend umso leichter bereit, je
ähnlicher Original und Übersetzung blieben. Bei der Übertragung vom
Deutschen ins Englische war dies wegen der etymologischen
Verwandtschaft vieler Wörter beider Sprachen besonders häufig der Fall:
Der Auswanderer Blumenthal brauchte seinen Namen in Amerika eigentlich
gar nicht zu übersetzen - fand er doch, wie die Müllers und Schmidts,
die sprachgeschichtlich und klanglich analoge Prägung Bloomingdale
bereits vor. Der Luftfahrtpionier Gustav Weißkopf, dem 1901 der erste
Motorflug der Luftfahrtgeschichte gelungen sein soll, machte eine
ähnliche Erfahrung, als er 1895 in Boston an Land ging und den Namen
Gustave Whitehead annahm. Wenn es zwischen dem deutschen Namen und
seiner englischen Entsprechung oder Übersetzung jedoch Differenzen gab,
zogen viele Einwanderer eine hybride oder Teilübertragung vor. So
bildete sich aus Wannenmacher, wörtlich tubmaker, der
deutsch-amerikanische Zwitter Wanamaker, und der Klavierbauer Heinrich
Engelhard Steinweg taufte sich bei seiner Einwanderung 1851 nicht in
Stone-, sondern in Steinway um. Die Wistinghausens aus Westfalen traten
in die Technikgeschichte unter dem Namen Westinghouse ein, die
pfälzischen Stutenbeckers wurden die Studebakers Detroits. Und der im
amerikanischen Bürgerkrieg gefallene General Nicholas Herkimer stammte
von einem Herchheimer ab, der im Jahre 1700 bei Heidelberg geboren
wurde.
Doch auch Familien, die ihre deutschen Namen nach der Einwanderung
unverändert beibehalten wollten, mußten Anpassungen in Schreibung und
Aussprache hinnehmen - oft schon bei der Registrierung durch die
Einwanderungsbehörden, fast immer aber im Lauf der folgenden
Generationen. Die im Englischen unbekannten deutschen Umlaute ö, ü und
ä wurden entweder auf die Grundvokale reduziert oder in oe, ue, ae
aufgelöst: ein Sänger, der kein Singer werden wollte, endete als Sanger
oder Saenger, und der Holzhändler Wilhelm Böing aus Hohenlimburg in
Westfalen hatte sich bereits in einen Boeing verwandelt, als sein Sohn
William mit dem Flugzeugbau begann. Meistens ging die Angleichung der
Orthographie an die englische Aussprache des deutschen Namens jedoch
noch viel weiter: aus Köster wurde über Koster schließlich Custer; die
1749 ausgewanderte Familie Pfoerschin glättete sich zu Pfirsching und
schließlich Pershing; der häufige Name Klein, der im Deutschen
ursprünglich "kleinwüchsig" oder "jung an Jahren" bedeutet hatte,
verschwand hinter Kline oder Cline; Schulz verwandelte sich in Shultz
und mancher Weiß, die prosaischen Deutungen haben wir oben schon
gegeben - wurde zu einem weltweisen Wise promoviert. Schlesinger, ob
nun aus Schlesien stammend oder nicht, heißt heute vielleicht
Slazenger, und der in siebenundfünfzigfacher Form noch unverändert
existierende Heinz hat sich in den meisten anderen Fällen zu Hines
gemausert.
Das solche Angleichungen ans Englische aus Gründen der Sprech- und
Schreiberleichterung bei der Interpretation der Namen zu Fehldeutungen
führen können, liegt auf der Hand. Bowman etwa, eine häufige
amerikanische Schreibung des deutschen Baumann, läßt an einen Ursprung
denken, der mit Krieg oder Seefahrt zu tun hat, während der alte
deutsche Name einen so unkriegerischen und erdverbundenen Beruf wie den
des Bauern bezeichnete. Und ein Cooper, für den die früheren deutschen
Schreibweisen Kuper, Küpper, Küper oder Küfer alle belegbar sind, kann
entweder auf den Faßmacher zurückgehen, den auch der englische Name
meint, oder auf einen Küpenfärber, der seinen Namen von seinem
Handwerkszeug, dem Färbetrog ("Küpe"), herleitet.
Um unsere Erkundungen der genealogischen Geheimnisse, welche sich
hinter den Familiennamen verbergen, abzurunden, wollen wir einige
erstaunliche Vorkommnisse berichten, die sich, so unglaublich sie
klingen mögen, tatsächlich so ereignet haben - einige davon sogar
wiederholte Male. Da wäre der Fall einer deutschen Einwandererfamilie,
die sich in Amerika innerhalb einer Generation in drei Zweige mit drei
verschiedenen Namen aufspaltete: unter dem Namen Schneider ging man
vereint an Land; ein Sohn behielt Namen und Schreibung unverändert bei;
ein zweiter übersetzte ihn in Taylor; der dritte glich die Schreibung
der englischen Aussprache an und wurde ein Snyder! Gut möglich, daß -
wenigstens in einem früheren Jahrhundert - ein vierter Sproß dieser
wandlungsfähigen Sippe einen völlig neuen Namen angenommen hatte -
vielleicht weil er sichtbar "ein neues Leben beginnen" oder weil er,
aus welchem Grund auch immer, seine Spuren verwischen wollte. Im 19.
Jahrhundert kamen solche radikalen Namensänderungen nicht selten bei
ostjüdischen Einwanderern vor, die, durch antisemitische Erfahrungen in
der Heimat geprägt, ihre Religionszugehörigkeit verschleiern wollten.
Der Namenswechsel ist ihnen wahrscheinlich nicht sehr schwer gefallen;
denn die Familiennamen waren ihnen in der Regel erst im 18. und frühen
19. Jahrhundert von den Behörden aufgezwungen worden und so im Grunde
immer fremd geblieben.
Einen außergewöhnlichen Fall, sozusagen eine sprachliche Kapriole hat
H.L. Mencken - selbst ein Deutschamerikaner - in seinem großen
Standardwerk The American Language verewigt: ein Portugiese namens
Soares wandert nach Amerika aus, landet dort in einem ,,Little Germany"
einem von deutschen Einwandereren geprägten Viertel einer
amerikanischen Stadt. Er muß bald feststellen, daß in seiner neuen
Umgebung niemand in der Lage ist, seinen Namen richtig zu schreiben
oder auszusprechen, und nimmt schließlich, resignierend, den ähnlich
klingenden deutschen Namen Schwarz an! Manche der Nachkommen dieses
Mannes, sofern sie nicht inzwischen den Namen Black tragen, dürften
heute der Überzeugung sein, ihre Wurzeln lägen irgendwo zwischen den
Alpen und der Nordseeküste...
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