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Was die Nachnahmen veraten

und verschweigen

Aus dem vergriffenen Buch Deutsche und Amerikaner. Ein Lese- und Nachschlagebuch mit 258 Abbildungen von Wolfgang Glaser

Unsere Familiennamen

sind in aller Regel die ältesten familiengeschichtlichen Zeugnisse, über die wir verfugen. Durch Generationen weitergegeben, reichen sie bis in Zeiten zurück, aus denen keinerlei Dokumente überlebt haben - doch sie zu interpretieren und aus ihnen Aufschlüsse über die eigene Herkunft zu gewinnen, erweist sich fast immer als äußerst schwierig. Die Möglichkeit von Fehldeutungen vervielfacht sich bei Auswanderern, die ihren Namen in einen fremden Sprachbereich mitgenommen haben, wo er mehr oder weniger starken Veränderungen und Anpassungen ausgesetzt war. Der folgende kleine Streifzug durch die Geschichte der deutschen Familiennamen in der Alten und der Neuen Welt möchte keine übertriebenen Hoffnungen auf genealogische Nutzanwendungen wecken - wohl aber Interesse, wie es dieses faszinierende Teilgebiet der Familienforschung verdient.

Wollte man diese Taufnamen

durch einen unterscheidenden Beinamen ergänzen, so bot sich dafür zunächst der Name des Vaters an: der Sohn eines Peter erhielt den Beinamen Petersohn, der sich im Lauf der Zeit zu Peterson, Petersen, Peters oder auch der ursprünglichen Form Peter abschleifen konnte. In Städten, wo das Handwerk in Blute stand, erlangten Beinamen, die aus Berufsbezeichnungen abgeleitet waren, bald eine noch größere Bedeutung. War unser Peter von Beruf Müller, so wurde er in Kirchenbücher oder Steuerlisten zunächst als Peter der Müller eingetragen. Übernahm der Sohn, wie es die Regel war, den Beruf des Vaters, dann ging der Beiname auf ihn über. Auf diese Weise entstand der Brauch, den Namen zu vererben.
Hatte der Name Müller dann, um die Aussprache zu vereinfachen, erst einmal seinen Artikel verloren und sich zugleich in der Familie eine gewisse Tradition erworben, so wurde er schließlich auch bei Berufswechseln beibehalten.

Die heutigen Familiennamen

kamen in Europa erstmals in Oberitalien um die Wende vom ersten zum zweiten Jahrtausend unserer Zeitrechnung auf. In Deutschland verbreiteten sie sich von Süden nach Norden und waren um das Jahr 1500 allgemein üblich.
Diese Entwicklung hat ihre Ursache vor allem im Anwachsen der Städte und im allmählichen Entstehen einer schriftlichen Verwaltungspraxis. Köln etwa, die damals größte deutsche Stadt, hatte um das Jahr 1200 bereits zehn- bis fünfzehntausend Einwohner: man kann sich vorstellen, von wie vielen Johanns, Ludwigs oder Heinrichs es dort gewimmelt hat.

Andere Beispiele für Namen,

die ursprünglich den Beruf bezeichneten, sind Färber, Bäcker oder auch Eisenhauer- der deutsche Name jener 1741 aus dem Odenwald (bei Heidelberg) nach Amerika ausgewanderten Familie, aus der der US-Präsident Dwight D. Eisenhower hervorging. Schmidt im Deutschen wie im Englischen (Smith) der häufigste Familienname überhaupt - verdankt seine bevorzugte Stellung der Tatsache, daß er ursprünglich eine Sammelbezeichnung für sämtliche metallverarbeitenden Berufe darstellte (Hufschmid, Zeugschmied, Silberschmied, Zirkelschmied usw.).
Die im Deutschen ebenfalls bekannt-berüchtigter Meiers (von lateinisch maior) und Schutzes (von Schultheiß - "der die Schuld zu bezahlen heißt") waren in ihren allerersten Generationen Amtsträger innerhalb der mittelalterlichen Lehnsverbände, denen die Beaufsichtigung der "Hörigen" und die Eintreibung der Abgaben oblag. Wer einen solchen Lehnshof (eine "Hufe" oder "Hube") bewirtschaftete, behielt davon den Namen Huber - so ein weiterer amerikanischer Präsident, Herbert Hoover, dessen Vorfahr Andreas Huber ebenfalls im 18. Jahrhundert aus Deutschland nach Nordamerika auswanderte.

Die nächste wichtige Gruppe der Familiennamen

leitet sich von der Herkunft oder dem Wohnort ihrer ehemaligen Träger ab: Wer aus Schlesien stammte, konnte den Beinamen Schlesinger erhalten - freilich auch jemand, der nur über die Zwischenstation Schlesien zugewandert war, oder selbst einer, der etwa als Händler schlesische Waren vertrieb.
Der ursprüngliche Kissinger, von dem der in Fürth geborene Henry Kissinger abstammt, mag in einer Beziehung zur fränkischen Bäderstadt Kissingen gestanden haben - welcher Art diese Beziehung jedoch war, kann uns der Name nicht verraten. Bamberger ist ein weiterer Nachname, der einmal den Wohnort gemeint haben konnte. Möglich also, daß er auf die tausend Jahre alte Kaiser - und Bischofsstadt an der Regnitz verweist - möglich aber auch, daß er eine abgeschliffene Form von Baumberger darstellt, was sich als Beiname für jeden angeboten hatte, dessen Haus in der Nahe eines bewaldeten Hügels stand. Lag der Hof an einem Roggenfeld, erhielt sein Besitzer vielleicht den Namen Roggenfelder - so die deutschen Vorfahren der amerikanischen Familie Rockefeller. Und grenzte das Anwesen an eine Kirche oder Kapelle, konnte Kappelkopf entstehen: der Familienname der Schauspielerin Doris Day.

Vollends unübersehbar

ist schließlich das Feld der sogenannten "Übernamen": Familiennamen, die auf besondere Eigenschaften ihrer ursprünglichen Träger verweisen oder als Spitznamen entstanden sind.
Einfache und verbreitete Beispiele sind Namen wie Lang und Weiß, die auf hohen Körperwuchs und auf früh ergrautes oder blondes Haar zurückgehen können - obwohl man Weiß auch als bildhafte Übertragung der Berufsbezeichnung eines Wäschers, Färbers oder Malermeisters ("Weißwäscher") interpretieren konnte. Allen genealogisch Ambitionierten zur Warnung möchten wir schließlich noch dem extremen
Fall eines ironisch irreführende Spitznamens berichten. Gemeint ist jene Familie Förster, der es gelang, ihren Namen bis zu dessen erstem Träger zurückzuverfolgen: er entpuppte sich nicht, wie erwartet, als Waldaufseher, sondern als ein stadtbekannter Holzdieb!

Bis in die Zeit der Namensentstehung vorzudringen,

wird den meisten Familienforschern freilich gar nicht möglich sein. Wo es um die europäische Herkunft der nach Nordamerika ausgewanderten Vorfahren geht, ist dies auch nur selten erforderlich. Zum einen liegt die Epoche der Namensentstehung in der Regel um Jahrhunderte vor dem Zeitpunkt der Auswanderung; zum anderen verewigt der Name, soweit er nicht überhaupt in die Irre fuhrt, häufig nur eine kurze und zufällige Episode innerhalb einer langen Familiengeschichte.

Die eindeutige Verknüpfung des Namens mit einem Territorium findet sich eigentlich nur im Fall des Adels - ansonsten hat man es mit Unwägbarkeiten zu tun, wie sie oben am Beispiel Schlesinger angedeutet wurden. Gleichwohl kann die sprachliche Form eines Namens eine Menge, wenn nicht über seine ursprüngliche Bedeutung, so doch über die Region aussagen, in der er verbreitet war.
So sind die aus Taufnamen abgeleiteten Beinamen auf -sen (Petersen, Jansen, Hansen usw.) für das norddeutsche Küstengebiet und den skandinavischen Sprachraum charakteristisch.
Auch das Vermeiden der im Hochdeutschen üblichen Doppellaute (also Hinrich statt Heinrich, Burmeester statt Baumeister, Suhrbier statt Sauerbier) und die Schreibung von p für f (Koopmann statt Kaufmann, Scheper statt Schäfer) verweist auf Norddeutschland, während das grolle Heer der Meiers mit ai oder ay wahrscheinlich süddeutschen Ursprungs ist.
Sind bestimmte Wörter nur in Teilgebieten des deutschen Sprachraums verbreitet, so kann man für die daraus abgeleiteten Namen dasselbe annehmen - so etwa bei den gleichbedeutenden Berufsbezeichnungen Fleischhauer (im Südosten), Metzger (Südwesten), Schlachter (Nordwesten) und Fleischer (Nordosten). Ein anderer Berufsname, Müller, laßt in der Schreibung Miller auf eine Herkunft aus dem schwäbisch-alemannischen Raum schließen.

Solche Feinheiten der Orthographie

wird sicherlich nur berücksichtigen können, wer noch über Originaldokumente verfügt, die über die Namen der europäischen Vorfahren vor der Auswanderung Aufschluß geben. Selbstverständlich kommen nicht alle amerikanischen Millers aus dem Spätzleland zwischen Bodensee und Donau: viele stammen aus England, wo sich ähnliche Namensformen ausgeprägt haben - was bei der engen Verwandtschaft der Sprachen nicht verwunderlich ist.
Und bei den meisten deutschstämmigen wird es sich wohl um Müllers handeln, deren Name nach der Ankunft in Amerika entweder übersetzt wurde oder sich im Lauf der Zeit der englischen Aussprache anglich.
Die wörtliche Übersetzung bot sich vor allem bei Berufsnamen an, die im Englischen analog existierten: Aus einem deutschen Zimmermann wurde ein Mr. Carpenter, aus Koch - für englische Zungen unaussprechbar - ein Cook, aus Schumacher ein Shoemaker.
Nur ein Drittel der englischen Familiennamen in den USA, so eine Schätzung, geht auch tatsächlich auf englische Abstammung zurück. Bei allen anderen handelt es sich um Übersetzungen, die die ethnische Herkunft der Namensträger verschleiern.
Ob ein amerikanischer Smith von englischen Smiths, von deutschen Schmidts, portugiesischen Ferreiras, polnischen Kowalczyks oder tschechischen Kovars abstammt, ist aus dem Namen nicht mehr zu erschließen.

Allerdings fanden sich die Einwanderer zu solchen Übersetzungen ihrer Namen anscheinend umso leichter bereit, je ähnlicher Original und Übersetzung blieben. Bei der Übertragung vom Deutschen ins Englische war dies wegen der etymologischen Verwandtschaft vieler Wörter beider Sprachen besonders häufig der Fall: Der Auswanderer Blumenthal brauchte seinen Namen in Amerika eigentlich gar nicht zu übersetzen - fand er doch, wie die Müllers und Schmidts, die sprachgeschichtlich und klanglich analoge Prägung Bloomingdale bereits vor.

Der Luftfahrtpionier Gustav Weißkopf, dem 1901 der erste Motorflug der Luftfahrtgeschichte gelungen sein soll, machte eine ähnliche Erfahrung, als er 1895 in Boston an Land ging und den Namen Gustave Whitehead annahm. Wenn es zwischen dem deutschen Namen und seiner englischen Entsprechung oder Übersetzung jedoch Differenzen gab, zogen viele Einwanderer eine hybride oder Teilübertragung vor.

So bildete sich aus Wannenmacher, wörtlich tubmaker, der deutsch-amerikanische Zwitter Wanamaker, und der Klavierbauer Heinrich Engelhard Steinweg taufte sich bei seiner Einwanderung 1851 nicht in Stone-, sondern in Steinway um.

Die Wistinghausens aus Westfalen traten in die Technikgeschichte unter dem Namen Westinghouse ein, die pfälzischen Stutenbeckers wurden die Studebakers Detroits. Und der im amerikanischen Bürgerkrieg gefallene General Nicholas Herkimer stammte von einem Herchheimer ab, der im Jahre 1700 bei Heidelberg geboren wurde.

Doch auch Familien,

die ihre deutschen Namen nach der Einwanderung unverändert beibehalten wollten, mußten Anpassungen in Schreibung und Aussprache hinnehmen - oft schon bei der Registrierung durch die Einwanderungsbehörden, fast immer aber im Lauf der folgenden Generationen.
Die im Englischen unbekannten deutschen Umlaute ö, ü und ä wurden entweder auf die Grundvokale reduziert oder in oe, ue, ae aufgelöst: ein Sänger, der kein Singer werden wollte, endete als Sanger oder Saenger, und der Holzhändler Wilhelm Böing aus Hohenlimburg in Westfalen hatte sich bereits in einen Boeing verwandelt, als sein Sohn William mit dem Flugzeugbau begann.
Meistens ging die Angleichung der Orthographie an die englische Aussprache des deutschen Namens jedoch noch viel weiter: aus Köster wurde über Koster schließlich Custer; die 1749 ausgewanderte Familie Pfoerschin glättete sich zu Pfirsching und schließlich Pershing; der häufige Name Klein, der im Deutschen ursprünglich "kleinwüchsig" oder "jung an Jahren" bedeutet hatte, verschwand hinter Kline oder Cline; Schulz verwandelte sich in Shultz und mancher Weiß, die prosaischen Deutungen haben wir oben schon gegeben - wurde zu einem weltweisen Wise promoviert.
Schlesinger, ob nun aus Schlesien stammend oder nicht, heißt heute vielleicht Slazenger, und der in siebenundfünfzigfacher Form noch unverändert existierende Heinz hat sich in den meisten anderen Fällen zu Hines gemausert.

Das solche Angleichungen

ans Englische aus Gründen der Sprech- und Schreiberleichterung bei der Interpretation der Namen zu Fehldeutungen führen können, liegt auf der Hand. Bowman etwa, eine häufige amerikanische Schreibung des deutschen Baumann, läßt an einen Ursprung denken, der mit Krieg oder Seefahrt zu tun hat, während der alte deutsche Name einen so unkriegerischen und erdverbundenen Beruf wie den des Bauern bezeichnete. Und ein Cooper, für den die früheren deutschen Schreibweisen Kuper, Küpper, Küper oder Küfer alle belegbar sind, kann entweder auf den Faßmacher zurückgehen, den auch der englische Name meint, oder auf einen Küpenfärber, der seinen Namen von seinem Handwerkszeug, dem Färbetrog ("Küpe"), herleitet.

Um unsere Erkundungen

der genealogischen Geheimnisse, welche sich hinter den Familiennamen verbergen, abzurunden, wollen wir einige erstaunliche Vorkommnisse berichten, die sich, so unglaublich sie klingen mögen, tatsächlich so ereignet haben - einige davon sogar wiederholte Male.
Da wäre der Fall einer deutschen Einwandererfamilie, die sich in Amerika innerhalb einer Generation in drei Zweige mit drei verschiedenen Namen aufspaltete: unter dem Namen Schneider ging man vereint an Land; ein Sohn behielt Namen und Schreibung unverändert bei; ein zweiter übersetzte ihn in Taylor; der dritte glich die Schreibung der englischen Aussprache an und wurde ein Snyder!

Gut möglich, daß - wenigstens in einem früheren Jahrhundert - ein vierter Sproß dieser wandlungsfähigen Sippe einen völlig neuen Namen angenommen hatte - vielleicht weil er sichtbar "ein neues Leben beginnen" oder weil er, aus welchem Grund auch immer, seine Spuren verwischen wollte.

Im 19. Jahrhundert kamen solche radikalen Namensänderungen nicht selten bei ostjüdischen Einwanderern vor, die, durch antisemitische Erfahrungen in der Heimat geprägt, ihre Religionszugehörigkeit verschleiern wollten. Der Namenswechsel ist ihnen wahrscheinlich nicht sehr schwer gefallen; denn die Familiennamen waren ihnen in der Regel erst im 18. und frühen 19. Jahrhundert von den Behörden aufgezwungen worden und so im Grunde immer fremd geblieben.

Einen außergewöhnlichen Fall,

sozusagen eine sprachliche Kapriole hat H.L. Mencken - selbst ein Deutschamerikaner - in seinem großen Standardwerk The American Language verewigt: ein Portugiese namens Soares wandert nach Amerika aus, landet dort in einem ,,Little Germany" einem von deutschen Einwandereren geprägten Viertel einer amerikanischen Stadt. Er muß bald feststellen, daß in seiner neuen Umgebung niemand in der Lage ist, seinen Namen richtig zu schreiben oder auszusprechen, und nimmt schließlich, resignierend, den ähnlich klingenden deutschen Namen Schwarz an! Manche der Nachkommen dieses Mannes, sofern sie nicht inzwischen den Namen Black tragen, dürften heute der Überzeugung sein, ihre Wurzeln lägen irgendwo zwischen den Alpen und der Nordseeküste...